Das lustige Spielchen jedes Premier League Wochenendes geht in die nächste Runde: Wer zuckt zuerst? Der Liverpool FC oder Manchester City? An diesem Spieltag legen die Reds am Samstagabend auswärts im Emirates Stadium gegen das überraschend starke Arsenal vor, bei denen erstmals seit 1996 nicht mehr Arsène Wenger an der Seitenlinie stehen wird.

Sevilla’s Spanish head coach Unai Emery (R) shakes hands with Liverpool’s German head coach Jurgen Klopp after Sevilla won the UEFA Europa League final football match between Liverpool FC and Sevilla FC at the St Jakob-Park stadium in Basel, on May 18, 2016. AFP PHOTO / FABRICE COFFRINI / AFP / FABRICE COFFRINI (Photo credit should read FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images)

Mit Unai Emeri als Wengers Nachfolger wird unter Flutlicht ein alter Bekannter Liverpools in der Coachingzone Arsenals stehen. Im Mai 2016 stand die Klopp-Truppe im Europa League-Finale dem von Emeri trainierten Sevilla gegenüber – die Erinnerungen daran dürften neben dem Kollaps in der zweiten Halbzeit vor allem aus viel Frustbewältigung bestehen. Zweieinhalb Jahre später treffen sich die beiden wieder, wobei sich sehr viel getan hat – die Gunners sind nicht mehr ein sicherer Anwärter auf einen Champions League-Platz und der Liverpool FC hat sich zu einer der besten Mannschaften Europas entwickelt. Emeri fand über den Umweg PSG nach Arsenal und hat nun die Aufgabe, den Verein aus der jahrzehntelangen Wenger-Lethargie aufzuwecken, was ihm fussballerisch mit 22 Punkten aus zehn Spielen bislang erstaunlich schnell gelungen ist.

Viele Beobachter Arsenals sind sich dessen ungeachtet nicht sicher, ob die aktuell starke Form nur ein laues Lüftchen oder der Beginn eines Angriffs auf die Meisterschaft ist. In den Spielen gegen Vereine aus der Top sechs setzte es aus zwei Spielen zwei Niederlagen ab (0:2 gegen Manchester City und 2:3 gegen Chelsea), was nicht dafürs pricht, dass die jetzige Mannschaft die alte Schwäche gegen Topteams überwunden hat. In der Tat ist es nicht einfach, die Nordlondoner korrekt einzuschätzen, denn Obwohl deren Offensive um Lacazette, Aubameyang und Özil sich vor niemandem verstecken muss, bleibt wie schon unter Wenger die Defensive Arsenals Achillessehne. Die kommenden 90 Minuten werden zeigen, wie weit Emeri die Gunners schon vorwärts gebracht hat.

Liverpool präsentierte sich in jüngster Vergangenheit wieder von der gewohnten Siegerseite – die marginale Formkrise Ende September und Anfang Oktober scheint hinsichtlich drei Siegen in Folge überwunden zu sein. Genauso erfreulich ist, dass das Angriffstrio um Mané, Firmino und Salah wieder Fahrt aufnehmen, denn bislang waren sie diese Saison in allen Wettbewerben für 18 Tore und sieben Assists verantwortlich. Allen voran Salah hat sich von seiner Torkriese vom Anfang der Saison verabschiedet – wenn Liverpools Offensive einmal ins rollen kommt, sind sie unmöglich aufzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt letzte Saison hatten die Redmen nur 16 Punkte und lagen auf Rang sechs – heuer sind es zehn Zähler mehr und nur die schlechtere Tordifferenz verhindert den ersten Rang in der Premier League.

LIVERPOOL, ENGLAND – OCTOBER 27: Mohamed Salah of Liverpool celebrates after scoring his team’s first goal during the Premier League match between Liverpool FC and Cardiff City at Anfield on October 27, 2018 in Liverpool, United Kingdom. (Photo by Jan Kruger/Getty Images)

Die Bilanz gegen Arsenal liest sich für Reds-Anhänger in den letzten Jahren sehr positiv: Aus den letzten sechs Spielen gab es drei Siege und ebenso viele Unentschieden – die Letzte Niederlage gegen die alte Wenger-Mannschaft gab es 2014/15 im Emirates Stadium mit 1:4. Letzte Saison verlor Liverpool nach einer 2:0 Führung beinahe noch, aber Roberto Firmino rettete noch den einen Punkt.

Die Verletzungsliste lichtet sich, Arsenal mit Sorgen in der Defensive

Neben dem schmerzlichen Langzeitausfall von Alex Oxlade-Chamberlain (Kreuzbandriss) sind derzeit nur noch Kapitän Jordan Henderson und Naby Keita (beide Oberschenkelverletzungen) nicht verfügbar. Klopp sagte auf der Pressekonferenz:

«Henderson fühlt sich sehr gut und wird Anfang nächste Woche wieder im Training sein. Keita wird Ende diese Woche wieder im Training sein, was aber keinen grossen Unterschied macht. Salah hat nicht ernstes, seine Sehnenentzündung an der Hand ist nicht ernsthaft».

Arsenal muss momentan eine veritable Verletzungskrise in der Defensive hinnehmen – mit Papastathopoulos, Bellerin, Monreal, Kolasinac, Mavropanos und Koscielny sind gerade sechs Verteidiger für Samstag fraglich oder fallen sicher aus. Emeri musste im letzten Premier League-Spiel den Mittelfeldspieler Granit Xhaka gegen Crystal Palace auf die Linksverteidigerposition stellen. So wie es aussieht, wird sich das Arsenal Lazarett aber bis zum Spiel noch lichten – Monreal, Kolasinac, Bellerin und Papastathopoulos werden vor dem Anpfiff noch untersucht, um deren Fitness zu prüfen, während Koscielny sowie Mavropanos sicher nicht spielen können.

Erwartete Aufstellungen und Taktik

Für Liverpool sind für Samstagabend zwei Systeme denkbar: Entweder das gewohnte und eingespielte 4-3-3 oder das offensivere 4-2-3-1. Die Wahl der Formation hängt vor allem davon ab, ob Vizekapitän James Milner in der Startaufstellung stehen wird, denn das alte Schlachtross fühlt sich eher im 4-3-3 System zuhause. Diese Saison ist Klopps Herangehensweise in Topspielen eher pragmatisch und nicht mehr unbedingt wie die Feuerwehr mit 100 km/h den Gegner überrollen, was es wahrscheinlicher macht, dass Milner in der Startelf stehen wird. Sollte Klopp das offensivere 4-2-3-1 bevorzugen, dürfte wohl Shaqiri wieder von beginn an spielen und auf der rechten Aussenbahn agieren. Milner wäre dann auf der Ersatzbank und zur defensiven Absicherung könnte der zuletzt stark aufspielende Fabinho ins Team rücken, obwohl es auch riskant sein kann, den Brasilianer, der Klopps System wohl noch nicht ganz verinnerlicht hat, diese Verantwortung aufzuerlegen. Gleichzeitig ist es auch denkbar, dass trotz des 4-2-3-1 Milner einer der zwei defensivrollen übernimmt, denn der Engländer hat schon oft gezeigt, dass er sehr viele Rollen übernehmen kann.

Die Verteidigung könnte wieder wie zuletzt in Topspielen verändert werden, um die Offensivabenteuer des jungen Trent Alexander-Arnold nicht bereuen zu müssen. Um das zu erreichen, müsste Joe Gomez auf die Rechtsverteidigerposition und Dejan Lovren würde neben Virgil Van Dijk in die Innenverteidigung rücken. Obwohl sich der Autor dieses Artikels nicht in die Gedanken Klopps einschleichen kann, könnte das die Startaufstellung sein (4-3-3):

Alisson; Gomez, Van Dijk, Lovren, Robertson; Milner, Wijnaldum, Fabinho; Mane, Firmino, Salah

Diese Aufstellung nutzt die Tatsache aus, dass Arsenal bislang in ersten Halbzeiten auffallend schwach spielt und erst in der zweiten Spielhälfte aufdreht. Es könnte also sein, dass Klopp das Team so einstellt, dass es einen Blitzstart hinlegt und das Spiel schon in der ersten Halbzeit versucht, zu entscheiden.

Arsenal hat bislang mit dem Sturmduo Lacazette/Aubameyang offensiv stark aufgespielt – man könnte fast schon Parallelen zum Liverpooler SAS-Sturm um Suarez/Sturridge aus der Saison 2013/14 ziehen. Das Spiel wird auch dadurch entschieden werden, wie die Verteidigung der Redmen dieses brandgefährliche Sturmduo einzudämmen vermag. Im Mittelfeld dürfte es ein Duell gegen Grabit Xhaka und Lucas Torreira geben. Vor allem Torreira hat sich seit seinem Wechsel vergangenen Sommer von Sampdoria in das Rampenlicht gespielt.

Um weiterhin zuckungslos durch die Saison zu kommen, tun sich die Reds gut daran, nicht wie letzte Saison im Emirates nur Unentschieden zu spielen – die Tabelle schläft nie.

TV Hinweis

Televsion broadcast camera operators film as Liverpool’s German manager Jurgen Klopp talks with Liverpool’s English striker Daniel Sturridge (R) follwing the English Premier League football match between Tottenham Hotspur and Liverpool at Wembley Stadium in London, on September 15, 2018. – Liverpool won the match 2-1. (Photo by Ian KINGTON / IKIMAGES / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE. No use with unauthorized audio, video, data, fixture lists, club/league logos or ‚live‘ services. Online in-match use limited to 45 images, no video emulation. No use in betting, games or single club/league/player publications. (Photo credit should read IAN KINGTON/AFP/Getty Images)

In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird das Spiel am Samstag ab 18:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit live auf DAZN übertragen.

Robin Wittwer
Unverbesserlicher Fussball-Romantiker, den nur noch der Liverpool FC im Fussball hält. Verliert nach jedem Besuch in Anfield nach 15 Minuten die Stimme, weil Atmosphäre alles ist. Wurde beim 4:3 gegen Dortmund und 3:0 gegen Man City Anfield-European-Night entjungfert. Kann sich keinen Trainer nach Klopp vorstellen. Traumatisiert fürs Leben nach dem CL-Finale 2018. Stärke: Gewinnt jeden LFC Songs Karaoke Wettbewerb. Schwäche: Fragt sich nach jedem LFC-Pub-Besuch, ob er sich nochmals dort blicken lassen kann