Das Wanda Metropolitano ist am kommenden Samstag Schauplatz des zweiten rein englischen Finales in der Geschichte der UEFA Champions League. Neben unseren Reds möchten auch die Tottenham Hotspur dann ihrer langen titellosen Zeit ein Ende bereiten. Im Endspiel setzen die Spurs vor allem auf ihren Trainer und neu gewonnene Last-Minute Fähigkeiten.

Wer vor Saisonbeginn auf ein Champions League Finale mit den Tottenham Hotspur gewettet hat, dürfte nun um den ein oder anderen Euro reicher sein. Auf den ersten Blick wirkt der Erfolg der Nord-Londoner tatsächlich recht überraschend, ist nüchtern betrachtet aber nur die logische Folge eines ausgeklügelten Entwicklungsplans. Verantwortlich für diesen ist vorrangig Coach Mauricio Pochettino, der seit fast fünf Jahren für die Spurs an der Seitenlinie steht.

In dieser Zeit entwickelte sich der Club sowohl sportlich als auch strukturell von einer grauen Premier-League Maus zu einem großen Player im englischen Fußball. Höhepunkt dabei war die Einweihung des neuen Tottenham Hotspur Stadiums (62.000 Plätze) im April 2019. Ein Meilenstein, der die Spurs endgültig auf Augenhöhe mit Arsenal, Chelsea, Liverpool und den beiden Manchester-Clubs bringt. Fußballerisch betrachtet könnte man mit dem Gewinn der Champions League sogar noch eine Stufe nach oben klettern und elf Jahre ohne Titel vergessen machen.

LONDON, ENGLAND – SEPTEMBER 15: Naby Keita of Liverpool (L) is challenged by Harry Kane of Tottenham Hotspur during the Premier League match between Tottenham Hotspur and Liverpool FC at Wembley Stadium on September 15, 2018 in London, United Kingdom. (Photo by Julian Finney/Getty Images)

Trotz Sparkurs weiter in den Top 4

Seit vier Spielzeiten gehören die Spurs nun schon zu Englands vielzitierter Top 4. Und das obwohl der Vorstandsvorsitzende Daniel Levy in Sachen Tranfers gern mal den Geldhahn zudreht. Der Ansatz, junge Spieler für eine relativ geringe Ablöse zu kaufen und sie zu entwickeln, hat im Londoner Norden mittlerweile Tradition. Selfmade-Stars wie Harry Kane, Delle Alli oder Eric Dier sind Beweis dafür, dass auch eine solche Strategie zum Erfolg führen kann und es nicht immer der Blockbuster-Transfer sein muss.

In diesem Sommer bekam Mauricio Pochettino jedoch aufgrund des Stadionbaus von Levy keine Freigabe für neue Spieler. Die Spurs gingen somit ohne Zugänge in die neue Saison. Ein absolutes Novum im englischen Profifußball. Dem entgegen stand lediglich der Abgang von Mittelfeld-Stratege Mousa Dembélé, welcher zu Guangzhou R&F nach China wechselte.

SOUTHAMPTON, ENGLAND – MARCH 09: Mauricio Pochettino, Manager of Tottenham Hotspur looks on during the Premier League match between Southampton FC and Tottenham Hotspur at St Mary’s Stadium on March 09, 2019 in Southampton, United Kingdom. (Photo by Christopher Lee/Getty Images)

Zum Jahreswechsel der große Einbruch – außer in Europa!

Diese ungewollte Konstanz im Kader hatte zunächst auch keine negativen Auswirkungen auf die Ergebnisse in Liga und Pokal. Die Spurs mischten bis Mitte Januar sogar im Titelrennen der Premier League mit, ehe eine 0:1-Heimniederlage gegen Manchester United den Abstand zur Tabellenspitze auf neun Punkte anwachsen ließ. Es folgten das Aus im FA Cup gegen Crystal Palace (0:2) und eine Halbfinalniederlage gegen Chelsea im Carabao Cup (2:4 nach Elfmeterschießen).

Richtig spürbar wurde die dünne Personaldecke aber vor allem gegen Saisonende, als man sieben der letzten zwölf Spiele verlor und sich nur um Haaresbreite für die Champions League qualifizierte. Besonders die langwierige Verletzung von Harry Kane konnte in dieser Zeit nicht kompensiert werden. Einzig die Leistungen in Europas Königsklasse gaben den Spurs-Fans weiter Anlass zur Hoffnung, die Saison doch noch zu versilbern.

Der Weg ins Finale und Comeback-Qualitäten

In den vergangen Spielzeiten war die Champions League für Tottenham nicht wirklich ein gutes Pflaster. Die Spurs schafften es in der jüngeren Vergangenheit lediglich ein Mal ins Achtelfinale, wo sie 2018 gegen Juventus Turin unterlagen. 2017 kam man nicht mal über die Gruppenphase hinaus. Auch die aktuelle Saison hätte einen ähnlichen Verlauf nehmen können. Auf die Niederlagen gegen Inter Mailand (1:2) und den FC Barcelona (2:4) folgte ein 2:2 beim PSV Eindhoven. Somit standen die Spurs nach nur drei Spielen schon wieder mit den Rücken zur Wand.

LONDON, ENGLAND – NOVEMBER 28: Danilo D’Ambrosio of Inter Milan battles for the ball with Christian Eriksen of Tottenham Hotspurduring the Group B match of the UEFA Champions League between Tottenham Hotspur and FC Internazionale at Wembley Stadium on November 28, 2018 in London, United Kingdom. (Photo by Dan Istitene/Getty Images)

Ein spätes Kane-Tor (89.) brachte im Rückspiel gegen die Niederländer zumindest den ersten Sieg der Gruppenphase. Anschließend schlug man Inter im heimischen Wembley-Stadion mit 1:0 (Torschütze Eriksen, 80.) und holte beim FC Barcelona  ohne Messi ein spätes 1:1 (Torschütze Lucas Moura, 85.). In der Endabrechnung lag man punktgleich mit den Italienern und qualifizierte sich nur aufgrund eines Auswärtstors in Mailand für das Achtelfinale. In diesem traf Tottenham, wie 2016 in der Europa League, erneut auf das Team von Borussia Dortmund, welches sich nach einem furiosen Saisonstart in jener Zeit schon nicht mehr so stabil und spielfreudig präsentierte.

Die Schwächephase nutzten die Spurs und gewannen Hin-und Rückspiel souverän (3:0, 1:0). Im Viertelfinale wartete mit Manchester City eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Doch auch hier zeigte die Mannschaft Pochettinos eine völlig neue Mentalität. Im neuen Tottenham Hotspur Stadium besiegte man die Sky Blues durch einen Treffer von Heung-Min Son mit 1:0. Das Rückspiel hatte es mit vier Toren nach nur 23 Minten in sich. Am Ende verloren die Spurs zwar mit 3:4, erreichten aufgrund der Auswärtstorregel allerdings trotzdem das Halbfinale.

LONDON, ENGLAND – APRIL 09: The two teams walk out prior to the UEFA Champions League Quarter Final first leg match between Tottenham Hotspur and Manchester City at Tottenham Hotspur Stadium on April 09, 2019 in London, England. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)

Gegner waren die junge Wilden von Ajax Amsterdam, die mit Siegen über Real Madrid und Juventus Turin bereits für Aufsehen sorgten. Tottenham vergeigte das Hinspiel zu Hause mit 0:1 und war nun zum wiederholten Mal unter Zugzwang. Tore von De Ligt und Ziyech in den ersten 45 Minuten des Rückspiels vertrieben anschließend jegliche Hoffnung der Spurs-Fans auf einen Finaleinzug. Was danach folgte, stand dem Liverpool Comeback vom Vortrag in nichts nach. In Abwesenheit des verletzten Harry Kane erzielte Lucas Moura drei Treffer und besiegelte quasi im Alleingang das Ende von Ajax Champions League Traum. Das Siegtor fiel in der sechsten Minute der Nachspielzeit und ließ Trainer Pochettino weinend auf den Amsterdamer Rasen sinken.

Taktik-Guru und Selfmade-Stars

Fragt man nach Tottenhams größter Stärke stößt man unweigerlich auf eine taktische Flexibiltät, die im europäischen Top-Fußball ihres gleichen sucht. Egal ob im gewohnten 4-2-3-1, einem 4-4-2 mit Mittefeldraute oder einer Fünferkette als Abwehrbollwerk. Die Spurs beherrschen nahezu jedes Spielsystem des modernen Fußballs und können sich stets optimal an den Gegner anpassen.

Verantwortlich für diese besondere Fähigkeit ist Coach Pochettino, der mit seinem Ansatz das komplette Gegenteil zu Trainern wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola darstellt. Für den Argentinier ist taktische Flexibilität ein Werkzeug um individuelle Schwächen seiner Spieler zu verstecken und Ihre Stärken voll zur Geltung zu bringen. So können auch evtl. Qualitätsunterschiede gemindert werden, wie man im Viertelfinale gegen Manchester City eindrucksvoll sehen konnte.

Das heißt jedoch nicht, dass die Spurs ausschließlich von ihrem Trainer leben. Durch kluge Transfers in den vergangenen Jahren hat sich der Club eine Mannschaft mit jungen hungrigen Spielern zusammengebaut, die ihr Top-Level noch lange nicht erreicht hat. Für das geniale Offensiv-Quartett Harry Kane, Dele Alli, Heung-Min Son und Christian Eriksen wurden lediglich 48,5 Mio. € Ablöse fällig. Ein kleine Summe auf dem heutigen Transfermarkt.

LIVERPOOL, ENGLAND – MARCH 31: (THE SUN OUT, THE SUN ON SUNDAY OUT) James Milner of Liverpool with Christian Eriksen of Tottenham Hotspur during the Premier League match between Liverpool FC and Tottenham Hotspur at Anfield on March 31, 2019 in Liverpool, United Kingdom. (Photo by Andrew Powell/Liverpool FC via Getty Images)

Qualität auf allen Positionen – aber kaum Finalerfahrung

Die vier stellen zugleich die größte Gefahr im Angriffsspiel der Spurs dar. Eriksen sorgt mit seiner überragenden Schusstechnik und Pässen in die Tiefe stets für Gefahr. Alli gilt als Hitzkopf, hat in den beiden vergangenen Jahren aber einen großen Schritt nach vorn gemacht. Der Engländer ist am Ball nahezu ohne Schwächen und besetzt aus dem Mittelfeld kommend bei Offensivaktionen stets die gefährlichen Zonen.

Kane, der aus der eigenen Jugend stammt, ist aktuell Englands bester Stürmer und vorm Tor ein echter Killer. Wenn er im Finale spielt, sollten ihn Van Dijk und Co zu keiner Sekunde aus den Augen lassen. Der Südkoreaner Son spielt die Saison seines Lebens und verhalf den Spurs mit wichtigen Toren gegen City zum Finaleinzug. Auch er verfügt über eine brillante Schusstechnik und ist im Tempo-Dribbling nur schwer zu halten.

LONDON, ENGLAND – APRIL 09: Heung-Min Son of Tottenham Hotspur celebrates after scoring his team’s first goal during the UEFA Champions League Quarter Final first leg match between Tottenham Hotspur and Manchester City at Tottenham Hotspur Stadium on April 09, 2019 in London, England. (Photo by Mike Hewitt/Getty Images)

Das Defensivzentrum bilden in der Regel die Belgier Toby Alderweireld und Jan Vertonghen. Der Kolumbianer Davinson Sanchéz ist hier eine weitere Option. Auf den Außenbahnen setzt Pochettino zumeist auf Kieran Trippier und Danny Rose. Beide glänzen durch ihre Dynamik und sind wichtiger Bestandteil des Aufbauspiels. Durch ihre offensive Ausrichtung lassen sie jedoch den ein oder anderen Raum unbesetzt. Im defensiven Mittelfeld hat Pochettino zwischen Dier, Wanyama und Sissoko die Qual der Wahl. Jeder verkörpert den Spielertyp des Abräumers ein wenig anders, und gibt seinem Coach somit verschiedene Qualitäten, die im Finale von großem Nutzen sein könnten.

Tottenham ist also mit seinem innovativen Coach und einer ausgeglichenen Mannschaft keineswegs der Underdog im Finale gegen den Liverpool FC. Zwar gewannen die Reds beide Ligaspiele mit 2:1, jedoch haben solche Ergebnisse vor einem Endspiel wenig Aussagekraft. Taktik, Tagesform und das nötige Quäntchen Glück werden am Ende darüber entscheiden wer den Henkelpott in die Höhe stemmen darf.